Talks and Feature[s] Dpt. Hamburg, den 8. November 1945
Über Hörfolgen (Features)
1. Voraussetzungen für das Schreiben einer Hörfolge: Der Verfasser muß sein Thema kennen und lieben, ehe er beschloß oder beauftragt wurde, es zu schreiben. Kaum eine andere Funkarbeit braucht so viel Vertrautheit mit dem Gegenstand, so viel Lust zur Sache, wie diese.
2. In jeder Hörfolge muß der Druck einer lebendigen Gesinnung spürbar sein. Das heißt nicht, daß wir lauter politische Features machen wollen (vor denen wir bei richtiger Gelegenheit keine Angst haben). Aber wir wollen nicht vergessen, welche große und beglückende Aufgabe hier gestellt ist: Wir können mithelfen bei der Umformung und Neuerziehung der Menschen, vor allem der jungen Menschen, für die alles das eine Ergänzung der durchlöcherten Schulbildung bedeutet.
3. Daraus ergibt sich eine andere Verpflichtung, die sich eigentlich von selbst versteht, heute aber bewußt gemacht werden muß: Diese halbstündigen Sendungen sollen Muster guter deutscher Sprache sein. Kämpfen wir gegen die Sprachverlotterung.
4. Die Form einer Hörfolge wird umso besser gelungen sein, je deutlicher sie sich von Nachahmung eines Hörspiels unterscheidet. Eine Hörfolge ist kein Kleindrama. Sondern dramaturgisch erzählte Epik.
5. Also äußerste Beschränkung der Dialoge! Wenn sie ein Sechstel des Ganzen einnehmen, ist es besser, als wenn sie [ein] Drittel füllen. Sonderfälle müssen zwingend aus dem Thema begründet sein.
6. Dennoch gibt es reichliche Möglichkeiten, um bei jedem Stoff Spannung und Auflockerung zu erreichen. Ein paar Anregungen:
a) Ein gedrängter, ja gehetzter Sprachstil kann selbst ein gewichtiges Thema überraschend beleben.
b) Das Präsens (in der reinen Epik von zweifelhaftem Wert) ist häufig die gegebene Zeitform für die Grammatik des Feature-Schreibers.
c) Möglichst keine erfundenen Gespräche berühmter Leute! Ganz lassen sie sich nicht vermeiden, sicher. Aber wie können wir unsere kleinen Worte Goethe, Dostojewskij oder Cromwell unterschieben? Viel eher dürfen wir z.B. die vermutlichen Gedanken einer geschichtlichen Gestalt aufschreiben. In einer besonderen, abgerissenen, gleichsam notierenden Form, aus der klar die Erfindung erkennbar ist. Idealforderung: Dialoge und Äußerung eines Großen nur aus dessen Werken, Briefen und überlieferten Gesprächen nehmen!
d) Kommentar und Polemik nicht in den Mund der "Helden" legen. Sondern Äußerungen unbedeutender Zeitgenossen bringen: Marktfrau, Portier, Pamphlet, erfundene Briefe, Zeitungsartikel, Gespräche mit Dritten. Ein ganzes Arsenal!
e) Ein wichtiger Punkt: Hörfolgen sollten von vornherein in zwei oder drei ganz verschiedenen Stilen geschrieben werden. Tatsachenbericht und Lebensdaten - Seelenzustand - Landschaft und Umwelt: jedesmal ein anderer Stil. Also nicht darauf verlassen, daß nachher verschiedene Sprecher den gleichförmig hinfließenden Text schon beleben werden!
7. Künstler (ob sie nun Dichter, Musiker, Bildhauer oder Maler sind) werden erst durch ihr besonderes Leben geeignete Hörfolgen-Gestalten. Ihre Werke sollen dies Leben illustrieren.
8. Um ein einzelnes Kunstwerk ließe sich ein Feature nur schreiben, wenn Entstehung oder späteres Schicksal des Kunstwerks interessant sind, nicht aber nur, weil es ein großes Kunstwerk ist. Ähnliches gilt für große Ideen. In einer Hörfolge werden sie durch ihre Wirkung klargemacht und nicht durch Beschreibung und Erörterung ihrer Tiefe oder Neuartigkeit.
9. Hörfolgen sollen niemals versuchen, vollständige Biographien zu ersetzen, sie geben einen oder einige wesentliche Ausschnitte. Diese müssen freilich so gewählt sein, daß sie ausstrahlend schon ein Licht auf das Ganze werfen, das wir in einer halben Stunde ausleuchten können; daß sie den Hörer begierig auf mehr machen ...
10. Ein gute Hörfolge braucht im allgemeinen nicht mehr als
10 bis 12 Unterteilungen in der halben Stunde zu haben.
Axel Eggebrecht