Vorwort zum Tonträgerverzeichnis
Während in Westdeutschland seit der Neugründung der Rundfunkanstalten nach 1945 das Feature neben dem Hörspiel zum
festen Bestandteil des Radioprogramms zählt, tauchte dieser Begriff im Rundfunk
der DDR erst Mitte der 60er-Jahre auf. In den Vorlagen und Beschlussprotokollen
des Staatlichen Rundfunkkomitees finden sich Anfang der 60er-Jahre mehrere
Stellen, in denen vom Hörspiel, das unausgesprochen die Funktion des Features
mit übernommen hatte, eine stärkere Betonung von Gegenwartsthemen erwartet
wurde. "Die Dramaturgen", lautete eine der zentralen Forderungen,
"müssen von den Mitarbeitern der aktuellen Politik lernen. Nur um die rein
künstlerische Qualität zu kämpfen, kann nicht dazu beitragen, die aktuelle
Problematik zu lösen."[1]
Im Januar 1963 wurde innerhalb der Hauptabteilung Dramaturgie eine eigene
Featureabteilung gegründet, die dieser Forderung Rechnung trug und eineinhalb
Jahre später, am 18. Oktober 1964, mit ihrer ersten Produktion auf Sendung
ging. Die Featureabteilung blieb bis zum Zusammenbruch der DDR bestehen und
überlebte den ostdeutschen Staat sogar um mehr als ein Jahr. Ihre Auflösung
erfolgte im Dezember 1991. Die bereits fertiggestellten, aber noch nicht
gesendeten Produktionen wurden vom DS Kultur übernommen, der zwei Jahre später
mit RIAS 1 zu DeutschlandRadio Berlin fusionierte. Die ehemaligen Mitarbeiter
der Featureabteilung arbeiten heute unter anderem bei den ARD-Sendern in den
neuen Bundesländern und dem ehemaligen West-Berlin.
Die von 1964 bis 1991 entstandenen Features sind vollständig im Deutschen Rundfunkarchiv am Standort Berlin erhalten. Sieht
man von der wöchentlichen Familienserie Neumann – zweimal klingeln und dem Krimi am
Freitag ab, die bis 1978 von der Featureabteilung mit produziert wurden,
handelt es sich insgesamt um 1.003 Sendungen. Trotz der zahlreichen
Forschungsprojekte, die in den letzten zehn Jahren zur DDR-Geschichte
durchgeführt wurden, ist das Material bislang noch nicht wissenschaftlich
erschlossen. Das verwundert um so mehr, da der Non-Fiction-Bereich in Hörfunk,
Film und Fernsehen, unabhängig von den zahllosen historischen Rückblicken, die
im Zusammenhang mit der Jahrhundertwende stehen, boomt. Unter künstlerischem
Gesichtspunkt ist das DDR-Feature wichtig, weil neben einer mit mehreren Preisen
ausgezeichneten Journalistin wie Sieglinde Scholz-Amoulong auch Schriftsteller
wie Günter Kunert, Fritz Rudolf Fries, Irmtraud Morgner und Joachim Seyppel für
die Featureabteilung gearbeitet haben. Der Dokumentarfilmer Thomas Heise hat
dort ein Projekt realisiert, das erst nach dem Mauerfall gesendet werden
durfte. Die ästhetisch anspruchsvollen Sendungen gehen allerdings in einer Flut
von Auftragsproduktionen unter, die sich nicht an journalistischen oder
künstlerischen Maßstäben orientieren, sondern in erster Linie die Hörer
politisch beeinflussen sollten. Rundfunkpublizistik
zwischen Agitation und Kunst überschrieb Rudi Rubitzsch, der erste Leiter
der Featureabteilung, entsprechend einen zeitgenössischen Aufsatz über das
DDR-Feature.[2]
Auch wenn die Sendungen heute nur noch im Archiv zu hören sind, wirken die in
ihnen vorgetragenen Argumentationsmuster weiter fort und finden sich in den
aktuellen politischen Debatten wieder. Da die Tondokumente im DRA bislang nur
über die alte Titelkartei des DDR-Rundfunks erschlossen sind, erwies es sich
für die weitere Arbeit als sinnvoll, die Features in einem eigenen
Tonträgerverzeichnis chronologisch zu erfassen und, mit einem Register
versehen, das neben den Sendetiteln auch die Autoren und Regisseure
verzeichnet, für die Forschung leichter zugänglich zu machen.[3]
Dies ist mit der vorliegenden Publikation geschehen.
Bis zum Herbst 1972 hat die
Featureabteilung auch halbstündige Sendungen produziert und sie, im Gegensatz
zu den Ein-Stunden-Features, Reportagen genannt. Während die Features (877
Sendungen) vollständig verzeichnet sind, wurde für das vorliegende Verzeichnis
bei den Reportagen (114 Sendungen) eine Auswahl getroffen, da sie in der Regel
keine neuen Themen aufgreifen und sich gegenüber den Features nur als Kurzfassung,
nicht aber als eigenständige Form erwiesen haben. Für das Feature untypische
Kuriosa wie Gespräche, Kurzporträts zum IX. Parteitag und Beiträge von Hörern
(insgesamt 12 Produktionen) sind dagegen lückenlos dokumentiert. Alle Angaben
aus der Titelkartei wurden mit der Liste
der funkdramatischen Produktionen, in der ab 1970 Hörspiele und Features in
halbjährlichen Abstand nachgewiesen wurden, abgeglichen. (Die Länge der
Sendungen stimmt dabei nicht immer mit den in der Liste veröffentlichten Angaben überein, da diese sich an den
Ursendungen orientiert, das vorliegende Verzeichnis aber an dem Bestand des
Schallarchivs. Die Bänder wurden in vielen Fällen für die Wiederholung
gekürzt.) In Zweifelsfällen wurden Bandaufkleber, Freigabescheine oder die Sendungen
selbst zur Ergänzung der Angaben herangezogen. Features, die nicht gesendet
wurden oder bei denen das Sendedatum nicht ermittelt werden konnte, sind am
Ende des jeweiligen Produktionsjahres eingeordnet. In den Fällen, wo aus dem
Titel einer Sendung kein eindeutiger Rückschluss auf deren Inhalt möglich ist,
wird neben den allgemeinen Angaben auch die "Argumentation", kurz
Argu genannt, mit aufgeführt. (Die Argus sind eine Mischung aus neutraler
Inhaltsangabe und politischer Begründung, warum eine Sendung ins Programm
aufgenommen wurde.) Nicht verzeichnet sind dagegen die Namen der Sprecher und
der Verantwortlichen für Ton und Schnitt. Mit insgesamt bis zu fünfzehn
Personen pro Produktion hätten sie den Umfang der vorliegenden Arbeit
gesprengt.
Berlin, Oktober 1999
Patrick Conley