MUSIK: ("Die Partei hat immer recht")
Sie hat
uns alles gegeben
Sonne und
Wind und sie geizte nie
Wo sie
war, war das Leben
Was wir
sind, sind wir durch sie.
TAKE 1: Westberlin war Ausland. Früher ist man mal mit der S-Bahn an so Stellen vorbeigekommen, wo man rübergucken konnte und ein paar Hochhäuser gesehen hat und dann wurde einem erzählt, da drüber ist der Westen. Oh, Westen, booh! Aber det war nicht greifbar, det war eine andere Welt, so richtig Ausland, wie Ägypten oder so.
SPR 1: Henriette ist 17 und in Berlin-Friedrichshain aufgewachsen. Friedrichshain ist einer der östlichen Stadtteile Berlins. Vor fünf Jahren stand auf den Straßenschildern noch zu lesen: "Berlin. Hauptstadt der DDR".
MUSIK: ("Die Partei hat immer recht")
Die Partei,
die Partei hat immer recht
Und Genossen,
es bleibet dabei
Denn wer
kämpft für das Recht
Der hat
immer recht gegen Lüge und Ausbeuterei.
SPR 1: Auch Gerold ist in Berlin groß geworden. Seine Eltern waren beide in der SED und haben hinter dem Staat gestanden, in dem auch sie aufgewachsen sind. "Materiell", sagt der 23jährige, "hatten wir keine Probleme". Sein Vater war Abteilungsleiter für EDV im Ministerium für Handel und Versorgung und seine Mutter organisierte Ausstellungen und Messen und kam dadurch auch ins Ausland. Bis zur 10. Klasse ging Gerold auf eine Spezialschule für Fremdsprachen.
TAKE 2: In dem Alter, so 14, 15? In dem Alter die Einstellung zum Westen? Schwierig zu sagen, aber grundsätzlich einfach ablehnend. Ablehnend aus der Erziehung heraus. Ich kannte es nie, ich hatte nie direkt Kontakt, ich hab' halt auch relativ wenig Westfernsehen gesehen, hatte nicht diese Konsumwünsche in mir. Einerseits, weil sie nicht anerzogen waren, andererseits, wenn sie sich geregt hatten, relativ befriedigt waren, da war die Einstellung einfach ablehnend. Westen war irgendwo stellvertretend das kapitalistische System und das ging dann so fort, in diese ganze Argumentationswelle hinein: Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung, Wettrüsten und so weiter. Bedrohung und sterbendes System. (Lacht.) Nicht zukunftsorientiert.
SPR 1: "Von der SU lernen, heißt siegen lernen!" war damals die Parole. Die Sowjetunion war das erklärte Vorbild des sozialistischen Deutschlands. Als 1985 Michail Gorbatschow zum Generalsekretär des Zentralkomitees der KPdSU ernannt wurde, war Gerold erst 14 Jahre alt.
SPR 2: Mit den Schlagworten Glasnost (Öffentlichkeit) und Perestroika (Umgestaltung) zielt Gorbatschow auf eine grundlegende wirtschaftliche und gesellschaftliche Erneuerung der Sowjetunion ab. - "Von der SU lernen, heißt siegen lernen?" Die Führung der DDR fühlt sich mit der alten Losung nicht mehr so ganz wohl.
MUSIK: ("Tausend Hände bauen Stein auf Stein")
SPR 1: In ihrer Praxis in Frankfurt an der Oder unterbricht Ulrike die Putz- und Aufräumarbeiten, die sie an den Wochenenden erledigt, setzt sich an den Schreibtisch und erzählt von ihrer Schulzeit in der DDR. An Gorbatschow kann sich die 25jährige Physiotherapeutin noch gut erinnern.
TAKE 3: Gorbi hat auf mich gewirkt, auf jeden Fall. Weil, den fand ich sehr sympathisch, finde ich immer noch sympathisch und der hat da einen unheimlich frischen Wind reingebracht und da ist man einfach davon ausgegangen, daß sich das auf unser System auch überträgt. Aber daß die DDR sich auflösen würde, daran habe ich eigentlich nicht gedacht. Man hat nur soweit gedacht, daß die alten Herren da oben sich mal Gedanken machen sollten, daß irgendwas nicht richtig ist, was sie da veranstalten. Einfach, daß das so unsinnig ist. Einfach die Tatsache, daß wenn ein Staatsrat zu Besuch gekommen ist oder irgendeener vom Zentralkomitee, dann wurden alle Gräben zugeschippt, Rasen drüber gemacht und die Häuser wurden mal schnell angestrichen und ansonsten war dahinter alles Potemkin. Daß das so nicht geht, darüber hat man sich selbstverständlich aufgeregt. Weil das Blödsinn war, einfach dumm.
SPR 1: Während Ulrike sich nach der 10. Klasse für eine Ausbildung an einer medizinischen Fachschule entschieden hatte, wechselte ihr ehemaliger Mitschüler Frank auf die Erweiterte Oberschule, kurz EOS genannt. 1987 machte er Abitur und ging dann zur Armee.
TAKE 4: November 1987, da hat ja an Wende oder solche Sachen noch keiner Gedacht. Gorbatschow kam schon mit seinem Glasnost und Perestroika, hat man sich natürlich angeguckt, aber viel hat man sich dabei nicht gedacht. Gut der erneuert ein bißchen, aber das betrifft uns nicht viel, haben wir immer gesagt.
SPR 1: Frank studiert jetzt in Leipzig Sportwissenschaft. Er ist bei seiner Mutter in Schwedt zu Besuch. Die kleine Stadt, die von der petrochemischen Industrie lebt, liegt an der Grenze zu Polen, 80 km östlich von Berlin. - Es ist der für die ehemalige DDR typische Wohnbock, in dem Frank aufgewachsen ist: Zehn Stockwerke in einfacher Plattenbauweise hochgezogen. Eine triste Eingangshalle, Aufzug und Treppenhaus haben den gleichen Zuschnitt und auch in der Wohnung findet man sich zwanglos zurecht. Bad, Küche, Wohnzimmer an der gewohnten Stelle. - Wie die Architektur, so wurde auch das Leben der Menschen möglichst weitgehend vom Staat organisiert und festgelegt.
TAKE 5: Integriert waren wir alle. Obwohl es ja mehr oder weniger eine Art Zwang war. Wir kannten nichts anderes. Unsere Eltern haben auch gesagt, es ist ein Zwang, man muß in die FDJ, man muß als Jungpionier in die Organisation. Und um nicht anzuecken, das hat ja nichts mit Angst zu tun, hat man sich angepaßt, um ein normales Leben zu führen. Und so wurde ich auch zu Hause erzogen. Zu Hause konnte ich das und das erzählen und in der Schule habe ich das erzählt, was der Lehrer hören wollte. Das hatte aber wirklich, meiner Meinung nach, nichts damit zu tun, daß man sich eine Meinung hat aufzwingen lassen. Es war eben cleverer, das zu sagen, was die Leute hören wollten, um auch später im Beruf eine Perspektive und Chance zu haben.
SPR 1: Gerold hatte bis zur 10. Klasse das Gefühl, alles frei aussprechen zu können, was er denkt. "Wenn du erst mal als rot anerkannt warst", sagt er, "dann konntest du dir natürlich alles erlauben". In einem Punkt war man sich allerdings einig: Wenn Kritik, dann mußte sie der Weiterentwicklung des Sozialismus dienen. - Während fast alle anderen auf die Erweiterte Oberschule gingen, wechselte Gerold ab der 10. Klasse auf die Arbeiter- und Bauernfakultät Walter Ulbricht. Eine Art Eliteinternat, auf dem die zukünftige Führungsschicht der DDR ausgebildet wurde.
TAKE 6: In der Zeit bin ich ja dann nach Halle gegangen, 11. u. 12. Klasse, und dann habe ich sehr schnell begriffen, erstens, daß wo ich aufgewachsen bin, in meiner Familie, dieses Umfeld nicht normal war, und daß auch diese ganze Situation in Berlin nicht normal war. In der DDR gab's Versorgungsstufen. Berlin hatte Nr. 1, bezüglich Lebensmittel u.s.w., Halle war Nr. 2 oder 3, und da gab's zum Beispiel keine Milch am Nachmittag oder dann gab's z.B. auch mal kein Brot und da fehlten halt so ein paar Basics. Und da waren die Häuser zerfallen und das Grundgefühl war grau. Und da war es schon was ganz anderes, von der DDR überzeugt zu sein, wenn du da gelebt hast.
SPR 2: Auch wenn man es in der DDR noch nicht spürt, in Osteuropa rumort es. Ob sich reformerische oder konservative Kräfte durchsetzen, ist je nach Land verschieden. Im Januar 1989 wird in Ungarn ein Mehrparteiensystem eingeführt, während in Prag der Dramatiker und Bürgerrechtler Vaclav Havel zu neun Monaten Gefängnis verurteilt wird.
SPR 1: Gerold als einer der "Hausherren von morgen", wie die FDJler im offiziellen Sprachgebrauch der DDR genannt wurden, erinnert sich:
TAKE 7: In der 11. Klasse, '89, habe ich auch eine Wandzeitung - Wandzeitungsarbeit war so einer der wichtigen Bestandteile in der DDR-Agitation - zu Ungarn mitgemacht und da war klar, daß Ungarn einen eigenen Weg geht. Der Leitartikel in der "Jungen Welt", dem Zentralblatt für die FDJ, war auch, daß man den Ungarn nur Glück wünschen könne, auf ihrem Weg, und daß die einen eigenen Weg gehen. Aber daß es im gesamten Ostblock rumort, das so im Zusammenhang zu sehen, das ist mir überhaupt nicht eingefallen.
SPR 1: Henriette ist mit 17 Jahren die Jüngste von den vier ostdeutschen Jugendlichen, die über ihr Leben in der DDR erzählen. Ihr Vater arbeitet als Graphiker und ihre Mutter war schon zu DDR-Zeiten in der Kirche aktiv.
TAKE 8: Politik spielte eigentlich in alle Fächer mit hinein. Sei es Deutsch, Geschichte, Staatsbürgerkundeunterricht, Musik auch, aber für uns war es was alltägliches, wo man nicht mehr so genau aufhorchte. In Musik z.B. war es die Tagesordnung, daß ab und zu auch Pionierlieder, FDJ-Songs oder alte Kampflieder gesungen wurden. Auch Arbeiterlieder.
MUSIK: ("Partisanen vom Amur")
(darüber:)
SPR 2: Während die Schüler in der DDR noch ihre russischen Lieder singen, fallen im März '89 erstmals hohe Mitglieder der Kommunistischen Partei bei den Wahlen zum neuen sowjetischen Volkskongreß durch. Polen übt sich in Reformen und entläßt die seit 1982 verbotene "Solidarnosc" aus der Illegalität. Wie gefährlich das Aufbegehren der Menschen in Osteuropa ist, zeigt sich in der georgischen Hauptstadt Tiflis. Sicherheitskräfte versuchen mit Gewalt eine Demonstration zu beenden: 19 Demonstranten kommen ums Leben. In China gehen Studenten auf die Straße. Die Regierung verhängt das Kriegsrecht über Peking.
MUSIK: ("Partisanen vom Amur" - wieder hochziehen)
SPR 2: Da den Jugendlichen neben Schulunterricht und Hausaufgaben noch etwas Freizeit bleibt, versucht die DDR auch diese zu erfassen. Für Schüler ab sechs Jahren gibt es die Organisation der Jungen Pioniere, erkennbar an dem blauen Halstuch; drei Jahre später das rote Halstuch als Zeichen für die Mitgliedschaft bei den Thälmannpionieren. Mit 14 ist der Weg frei in die FDJ, die Freie Deutsche Jugend.
SPR 1: "Jeden Mittwoch", erzählt Henriette, "war bei uns auf der Schule Pioniernachmittag. Da gab's keine Hausaufgaben. Stattdessen wurde gebastelt oder Altstoffe gesammelt". - Gerold war sogenannter Agitator im FDJ-Kollektiv, wie sich die Klasse nannte. Zu seinen Aufgaben gehörte es, zu Beginn der Stunde einen kurzen Vortrag zu halten, der das politische Bewußtsein seiner Mitschüler fördern sollte. Die Klasse wurde von insgesamt fünf bis sechs Leuten geleitet. Neben dem Agitator gab es den FDJ-Sekretär, einen Vorsitzenden, dessen Stellvertreter, einen Kassierer, einen Sport- und einen Kulturfunktionär. Alles wie bei den Großen. - Die FDJ-Sekretäre arbeiteten klassenübergreifend in der Schule zusammen, die Schule war der Kreisebene unterstellt, diese der Bezirksebene und so ging es pyramidenartig hinauf bis zu Egon Krenz, der im Alter von 37 Jahren 1. Sekretär der FDJ wurde und 9 Jahre im Amt blieb.
SPR 2: Auf den Straßen der DDR bleibt es ruhig. Aber Bürgerrechtler getrauen sich erstmals, die offiziell gemeldeten Ergebnisse der Kommunalwahlen vom Mai offen als manipuliert zu bezeichnen. Der Vorwurf der Wahlfälschung wird laut, aber nicht zu laut. Die meisten Jugendlichen merken nichts von der unterschwelligen Spannung, die sich inzwischen auch in der DDR breitmacht. Und während im Nachbarland Polen bereits die ersten Fernsehsendungen der Opposition ausgestrahlt werden, hat die DDR-Führung die Medien fest unter Kontrolle. Z.B. die "Aktuelle Kamera":
TAKE 9: (AK-Kommentar vom 15.10.1989:) Unsere Prämisse: Wir werden weiter die Wege zum Erfolg und nicht die zum Mißerfolg aufzeigen. (...) Der Star unserer Sendung bleibt die Klasse, die das Staatswesen auf ihren Schultern trägt. Bleiben die Leute, die sich für den Sozialismus das Futter aus der Jacke reißen.
SPR 1: Ulrike, Frank, Henriette und Gerold sind sich in einem Punkt einig: Wenn nur irgendmöglich, schaute man Westprogramm.
TAKE 10a: Mein Vater ist ein richtiger roter Mitläufer gewesen. Der hat z.B. Westfernsehen verboten. Und wat haben wir Kinder gemacht? Wenn er Skat spielen gegangen ist oder Tischtennis gespielt hat, dann haben wir Westfernsehen geguckt. Der hat och immer "Tagesschau" geguckt, aber wir durften nicht. (Ulrike)
TAKE 10b: Also es gab ja keene Kartoffel, die nicht vorher in der "Aktuellen Kamera" war. Alles was auf den Feldern der DDR geerntet worden war, war in der "Aktuellen Kamera" zu sehen. Wie fleißig wir doch alle sind und wie es in den Betrieben aufwärts geht und so weiter. - Man hatte ja schon eine gewisse Praxis und da hat man ja gesehen, was ablief. Schlamperei, Schluderei vorne und hinten. Und im Fernsehen hat man gesehen, wie toll doch alles ist, und wieviel Prozent doch wieder übererfüllt wurden vom Plan. (Frank)
SPR 1: Sie haben nicht nur Westfernsehen geschaut, sondern vor allem auch die Popmusik der Sender aus dem Westen gehört. Offiziell hieß es: "Wer RIAS hört, den Frieden stört!" - Nach Liedern gefragt, die sie in der Schule gelernt haben, fällt Frank und Ulrike spontan "Der kleine Trompeter" ein. Alte Arbeiterlieder und russische Gesänge wie "Partisanen vom Amur" waren bei Jugendlichen durchaus beliebt. "Der kleine Trompeter", der auch bei offiziellen Anlässen gesungen wurde, aber zeigt, wie wenig das sozialistische Liedgut insgesamt geeignet war, um neben der aus dem Westen importierten Popmusik bestehen zu können.
MUSIK: ("Der kleine Trompeter")
Da kam eine
feindliche Kugel
Bei einem
fröhlichen Spiel
Mit einem
seeligen Lächeln
Unser kleiner
Trompeter, er fiel.
Mit einem
seeligen Lächeln
Unser kleiner
Trompeter, er fiel.
SPR 2: Auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking kommt es im Juni '89 zur Katastrophe. Die kommunistische Führung Chinas setzt die Armee gegen die Demonstranten ein. Die Zahl der Toten übersteigt jedes vorstellbare Ausmaß. Man vermutet, daß mehrere tausend Menschen umgebracht wurden. Was folgt, ist eine Welle der politischen Säuberungen, die weitere Verhaftungen und Hinrichtungen mit sich bringt.
SPR 1: In den Schulen der DDR ging der Unterricht derweilen weiter seinen gewohnten Gang. In den Gesprächen mit Henriette, Gerold, Ulrike und Frank wird klar, daß sie die politischen Auseinandersetzungen, die sie in den westlichen Medien mitverfolgen konnten, nicht mit ihrem Leben in der DDR in Verbindung brachten.
TAKE 11: Die DDR hatte ja für sozialistische Verhältnisse gesehen nicht schlecht funktioniert, die war, so hieß es immer, Klassenbester, in einer Klasse, die dann insgesamt nicht versetzt wurde. Man hat halt in drei, vier Bereiche, die richtig viel Geld verschlingen, die aber erst nach 40 oder vielleicht 100 Jahren richtig akut werden, sprich Wohnungsbau, Straßen, Ökologie und so was, überhaupt nicht investiert. Die Dinge des täglichen Lebens hast du halt immer noch gekriegt. (Gerold)
SPR 2: Der Umbruch im Osten kann für die DDR nicht ohne Folgen bleiben. Bereits Anfang Mai beginnt Ungarn, die Sperranlagen nach Österreich hin abzubauen. Unzufriedenen DDR-Bürgern bietet sich erstmals die Möglichkeit, auf Umwegen, über die Westgrenze Ungarns nach Österreich und von dort weiter in den zweiten deutschen Staat zu fliehen, wo sie qua Gesetz mit den Bundesbürgern gleichgestellt sind. - Es ist kurz vor den Sommerferien und von dem kleinen Riß im Eiserne Vorhang geht eine ungeheure Sogwirkung aus.
SPR 1: Die vier Jugendlichen können sich an das Datum nicht mehr erinnern. Ulrike dachte damals nicht an Ausreise, aber als im September die ungarische Regierung allen DDR-Bürgern die freie Ausreise erlaubte und innerhalb weniger Wochen über 20.000 Menschen Ostdeutschland verließen, wurde auch sie aufmerksam.
TAKE 12: Manche Leute haben anfangen dann auf einmal zu reden, wat die für Erfahrungen schon gemacht haben, z.B. auch mit der Stasi, und da war ich doch ganz schön entsetzt. Und da hab ich dann immer gedacht, na hoffentlich passiert denen nichts. Aber in zweeter Linie habe ich och gedacht, bei manchen, die abgehauen sind, wenn man das mal so im Bekanntenkreis mitverfolgt hat, daß da wirklich das Materielle im Vordergrund gestanden hat und nicht das Idelle. Das war bei nicht sehr viel Leuten da, das Idelle.
SPR 2: Die Führung der DDR, für die politische Reformen tabu sind, fühlt sich von den sozialistischen Bruderländern im Stich gelassen. Sie zieht den, für ihre Denkweise einzig logischen Schluß: Anfang Oktober wird die Grenze zur Tschechoslowakei geschlossen. Und damit ist auch der Weg nach Ungarn versperrt. Nach Polen zu reisen ist DDR-Bürgern schon seit Ende 1981 untersagt.
TAKE 13: Da gab es aus meiner Sicht in der DDR so einen allgemeinen Schock, nach dem Motto, jetzt schließt sich die letzte Pforte. Weil nach Ungarn war so der Blick in den Kapitalismus, mal ein paar Westturnschuhe kaufen, Balaton und so weiter. Und Tschechoslowakei war das einzige Land, wo man hinfahren konnte, ohne jeglichen Paß, ohne jeglichen Geldtausch oder sonstwie Probleme. Und wenn das jetzt auch noch zugegangen wäre, dann war wirklich so eine Situation, als wolle man einen einsperren. Und das gab diesen Druck, aus meiner Sicht von innen. (Gerold)
SPR 2: Nach außen hin geben sich Erich Honecker und Genossen ungerührt. Als am 7. Oktober mit Pomp und langen Reden der 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik begangen wird, geben sich die Regierenden alle Mühe, sich selbst zu feiern. Ausländische Prominenz soll den Geburtstagsfeierlichkeiten Glanz geben.
TAKE 14: (O-Ton Honecker:) Unsere Freunde in aller Welt seinen versichert, daß der Sozialismus auf deutschem Boden, in der Heimat von Marx und Engels, auf unerschütterlichen Grundlagen steht. Ich bitte Sie, mit mir das Glas zu erheben und zu trinken auf die internationale Solidarität und Zusammenarbeit, auf den Frieden und das Glück aller Völker (Stimme überschlägt sich), auf den 40. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik (Beifall).
SPR 1: Während im Palast der Republik noch gefeiert wurde, kam es im Laufe des Abends in mehreren Städten zu Demonstrationen. Frank war zu dieser Zeit bei der Armee.
ATMO 1: (Demonstranten:) Stasi raus! Auf die Straße! Gorbi!
TAKE 15: Man merkte, daß die politische Führung Angst bekam. Das haste bemerkt. Das war bestimmt in jeder Kaserne so. Man wurde richtig gegen die eigene Bevölkerung aufgewiegelt. Die sind alle verblendet von der Hetzkampagne, die z.Zt. über unseren Staat ergeht. Ein Kumpel von mir, mit dem ich schon seit dem Kindergarten zusammen war, war damals bei der Bereitschaftspolizei in Frankfurt/Oder und bei denen war das extrem. Bereitschaftspolizei war mit der Armee nicht gleichzusetzen, die waren mehr für den zivilen Bereich zuständig. Wenn es zu Demonstrationen gekommen wäre (sic), wären die Leute als erstes raus. Die wurden also wirklich... Denen wurde gesagt: Wenn ihr da rausgeht in diese Demonstrationen, die hängen euch auf! Die dachten auch an gar nichts mehr anderes. Die haben ihre eigene Bevölkerung als Gegner gesehen. Als diese großen Demonstrationen in Leipzig begannen, da hatten wir gedacht, jetzt knallt's. Irgendwann kommt das Befehl und wir müssen alle raus.
SPR 1: An der Einsicht der Politiker hatte es wohl nicht gelegen, daß es zu keinem Blutvergießen gekommen ist. Die obersten deutschen Machthaber warteten, wie gewohnt, auf die Absicherung von "oben". 10 Jahre früher wäre mit Genehmigung aus Moskau sicherlich ein ähnliches Massaker wie in China möglich gewesen. - In den ersten Tagen versuchte die Volkspolizei mit Schlagstöcken die Demonstrationen zu beenden.
SPR 2: Als selbst der DDR-Führung klar wird, daß sie die Situation nicht mehr unter Kontrolle hat, versucht man zu retten, was nicht mehr zu retten ist. Erich Honecker wird am 18. Oktober durch den Berufsjugendlichen Egon Krenz abgelöst, aber Demonstrationen und Massenflucht halten unvermindert an. Am 9. November gibt die neue Regierung nach und läßt die Grenzen zur Bundesrepublik hin öffnen. Ohne, daß die Parteispitze es gewollt hat, ist der historische Umbruch vollzogen.
TAKE 16: Ich habe die Maueröffnung sehr merkwürdig erfahren. Und zwar bin ich am Abend davor ziemlich früh ins Bett gegangen und wurde irgendwann am Morgen zur Schule von meiner Mutter geweckt, mit einem völlig verstörten Gesicht: "Maria, Cornelia, ich weiß nicht ob das stimmt, aber ich glaube, die Mauer ist offen." Und wir: "Ja, äh, tolle Verarschung. Und 1. April war schon... und noch so ein Scherz, wir sind müde". Wir waren völlig orientierungslos. Wir sind dann zur Schule gegangen und dann stürzten alle Klassenkameraden auf mich ein ... und meine Hose stinkt noch nach Sekt und alle erzählten, wie toll das war. Und ich hab's verschlafen. (Henriette)
SPR 1: Das Leben in Ostdeutschland änderte sich schlagartig. - Frank war zu diesem Zeitpunkt in der Sowjetunion. Es war eine der üblichen "Auszeichnungsreisen", die er zusammen mit der Beförderung zum Feldwebel erhielt. - Vier Tage nachdem die Mauer gefallen war, kommt Frank nach Deutschland zurück:
TAKE 17: Der Zug kam von Frankfurt/O. und fuhr in Lichtenberg ein. Und da habe ich gesehen, die S-Bahnzüge, überall standen Büchsen, Coca Cola. Die Leute schleppten eifrig Apfelsinen durch die Gegend. Da haben wir uns gedacht, ist hier der Wohlstand ausgebrochen oder was ist nun? Det konnten wir uns nicht erklären, das ging einfach nicht.
MUSIK: ("Der kleine Trompeter")
Da kam eine
feindliche Kugel
Bei einem
fröhlichen Spiel
Mit einem
seeligen Lächeln
Unser kleiner
Trompeter, er fiel.
Mit einem
seeligen Lächeln
Unser kleiner
Trompeter, er fiel.
TAKE 18: Ich finde es nicht richtig, daß das alles so gelaufen ist, weil das wirklich wie ein Hurrikan, wumm, rüberhinweg, und dann ist die Sache ausgestanden und dann müssen wir halt sehen, wie wir alles wieder zusammenbasteln, zusammenpuzzeln und sehen, ob wir überhaupt was wiederfinden. Man hat wirklich die Chance verpaßt, was hier neu zu machen, weil, dann hätte man nämlich die ganze Bundesrepublik Deutschland, ehemals BRD, auch umändern müssen. Und det hat die sich nicht gefallen lassen. Kann die sich gar nicht gefallen lassen und dazu hat sie auch viel zu viel Macht gehabt. (Ulrike)
SPR 1: Gerold lebt seit 1991 im Westen. Obwohl er heute, wie schon zu DDR-Zeiten geplant, Wirtschaftswissenschaft studiert, hat sich für ihn, wie er sich ausdrückt, "brutal viel geändert". Auch mit bundesdeutschen Paß empfindet sich er sich unter seinen Kommilitonen an der Hochschule für Unternehmungsführung in Koblenz als Ausländer.
TAKE 19: Es ist effektiv mehr als der Unterschied zwischen einem Franzosen und einem Deutschen, der bestimmt auch schon extrem da ist, sondern es ist vielleicht eher ein Asiate zu einem Deutschen. Vielleicht ein Japaner, der in einem ganz anderen Beziehungsumfeld aufwächst und deshalb, wenn er 17, 18 Jahre alt ist, ganz anders denkt und dann natürlich auch, wenn er 23 ist, als jemand, der in Westdeutschland aufgewachsen ist. Man spricht halt zufällig die selbe Sprache, das macht die Sache halt interessant. Generell habe ich den Eindruck, daß man in der Westjugend mehr Spaß hat, weil es jetzt hier in der Gesellschaft natürlich auch viel mehr darum geht, zu Leben und Spaß zu haben. Im Positiven, wie im Negativen.
SPR 1: "Nach der Vereinigung", erzählt Henriette, "habe ich mir für kurze Zeit noch die DDR-Fahne ins Zimmer gehängt, was meiner Mutter gar nicht gefallen hat". Heute bezeichnet sie das als falsche DDR-Nostalgie. Trotzdem hätte sich die 17jährige Berlinerin gewünscht, daß die Entwicklungen von 1989 anders gelaufen wären.
TAKE 20: Daß
alle gemeinsam einen Weg finden, das so zu verändern, daß es
irgendwie lebenswerter ist, in diesem Land zu wohnen. Daß es nicht
mehr von Schweigen und einer unterdrückten Angst geprägt ist,
sondern daß es wirklich eine freie Republik ist. Diese Träume
hat die Vereinigung kaputt gemacht.