Zu der nach wie vor aktuellen Frage: Was ist ein Feature?
"Das Wort Feature", schrieb E. Kurt Fischer 1964, "ist für viele Hörer ein Ärgernis. Leider gibt es keine sinnvolle Übersetzung dafür." Aber selbst wenn es einen passenden deutschsprachigen Ausdruck dafür gäbe, muss man hinzufügen, hätte man damit noch keine griffige Definition des Genres. 60 Jahre nachdem am 9. März 1947 mit Was wäre, wenn ... Ein Rückblick auf die Zukunft der Welt von Axel Eggebrecht das erste Feature beim NWDR in Hamburg urgesendet wurde, entzieht sich der Begriff noch immer einer klaren Deutung.
Die etymologische Bedeutung des Ausdrucks "Feature" ist schillernd. Im Englischen kann er "Merkmal", "Eigenschaft", "Besonderheit" und – in Bezug auf das Pressewesen – "aktueller Beitrag" mit Hintergrundwissen bedeuten. Die "feature story" besitzt in englischsprachigen Ländern ein hohes Renommee, aber obwohl es seit 1979 sogar einen Pulitzer Prize for Feature Writing gibt, hat der Ausdruck keinen Eingang in das deutsche Pressewesen gefunden. Als Hörfunkgenre hat sich das Feature dagegen im deutschsprachigen Raum fest etabliert. 1947 kam es mit den Rundfunkoffizieren der britischen Besatzungsmacht nach Hamburg und feierte in Westdeutschland mit Axel Eggebrecht, Peter von Zahn, Ernst Schnabel und Alfred Andersch große Erfolge. 1963 zog der DDR-Rundfunk mit der Gründung einer eigenen Feature-Abteilung nach. Seit 1973 hat das Radio-Feature auch in Österreich und der Schweiz seine festen Sendeplätze.
Was also ist ein Radio-Feature? Formal betrachtet handelt es sich um eine halb- bis einstündige, aufwändig gestaltete Sendung aus dem Wortbereich, die dem Hörspiel verwandt ist und alle Elemente vom Originalton, über Autorentext (epischer oder szenischer Art) bis zu Atmo und Musik enthalten kann. Die Featureredaktionen des RBB und MDR nennen ihre gemeinsames Programmheft "RadioDok", der WDR hat einen Sendeplatz namens "Dok 5 – Das Feature", was darauf hinweist, dass das Feature im Gegensatz zum Hörspiel stärker auf dokumentarische Themen ausgerichtet ist. Dass die Überschneidungen zwischen Hörspiel und Feature systemimmanent sind, zeigen Bezeichnungen wie "Dokumentar-" und "O-Ton-Hörspiel". Erfolgreiche Produktionen, wie die beiden Gewinner des Hörspielpreises der Kriegsblinden 2005 und 2006 (Stripped – Ein Leben in Kontoauszügen und Föhrenwald über das gleichnamige Lager), "wildern" beim Feature und die Featureautoren lassen sich ihrerseits nicht auf die journalistische Arbeit beschränken. Ein Feature soll mehr sein, als eine reine Funkdokumentation, wie man sie aus dem Schulfunk kennt, bei der der Informationsgehalt wichtiger ist als die künstlerische Gestaltung.
So erfolgreich das deutschsprachige Radio-Feature in den letzten 60 Jahren war, so wenig hat sich der Begriff in der Allgemeinheit durchgesetzt. Anfang dieses Jahres hat die Onlineredaktion der ARD daraus die Konsequenz gezogen und ihre "Feature & Doku"-Seite in "Doku & Zeitgeschehen" umbenannt. Auf Rückfrage teilte die verantwortliche Redaktion mit: "Leider mussten wir feststellen, dass nur wenige Nutzer etwas mit diesem Begriff anfangen können und haben uns daher für eine andere Benennung entschieden." Der Hörspiel- und Hörbuchboom der letzten Jahre ist am Feature vorbeigezogen und die Sender sind dazu übergegangen, das Feature als preiswerte Alternative zum Dokumentarhörspiel zu etablieren. Die ARD fördert und beschneidet das Genre in gleichen Maßen. Zwei Wochen Produktionszeit für ein einstündiges Hörspiel, steht maximal eine Woche für ein Feature gegenüber. Auch personell wurde das Genre ausgedünnt, die Jobs für Musiker und Regieassistenten gestrichen und Honorare gekürzt.
Trotzdem wird das Radio-Feature auch in Zukunft fester Bestandteil der öffentlich-rechtlichen Hörfunklandschaft bleiben. Kommendes Jahr wird zum ersten Mal der "Axel-Eggebrecht-Preis" verliehen, der "das Lebenswerk von Autoren, die mit Radioarbeiten das Repertoire der Gattung Feature vielgesichtig und stetig erweitert haben" (Präambel) mit 10.000 € honoriert. Der Fuldaer Autor Helmut Kopetzky wird ihn am 3. Februar auf dem Campus der Leipziger Medienstiftung entgegennehmen. Für all jene, die sich auch im Jahr 2008 mit dem Begriff "Feature" nicht anfreunden werden, sei noch einmal auf den Rundfunkpionier E. Kurt Fischer verwiesen. In seinen Betrachtungen von 1964 zieht er Parallelen zu dem Wort "Feuilleton", "das genau so verschwommen und übersetzbar ist", und trotzdem habe man sich an diesen Begriff gewöhnt.
Patrick Conley, November 2007