DIE VERGESSENE TRADITION

Eine Erinnerung an den Philosophen Ernst Cassirer


Feature von Patrick Conley

 
 
 
 
 
 
 
 
 
  Sprecher: Patrick Conley
Erstsendedatum: SFB3, 30.4.1996

 

ATMO 1: Straßenverkehr in New York [SFB-Band 519, Take 3]

(darüber:)

SPR: Manhattan, Upper West Side. Vom Columbus Circle nordwärts, an der Westseite des Central Parks entlang, reiht sich ein mächtiges Apartmenthaus ans andere. Während der Diktatur hat es viele Deutsche an die Upper West Side verschlagen. Ernst Cassirer war einer von ihnen. Im April 1945 ist er hier gestorben. Seine Tochter lebt noch heute in New York.

TAKE 1: Ich habe wenig Lecturers gehört. Aber es gab halt einige über Literatur, die ich mir angehört habe. Und dann war es immer interessant: Er hat eine große Stimme gehabt und hat ganz laut gesprochen, wenn er über andere Leute quoted. The moment, er sprach persönlich, wisperte er fast. Das war seine Natur. Es war sehr komisch anzuhören. Ich dachte, jetzt muß ich hören. Jetzt spricht Cassirer. Jetzt muß man zuhören. (Appelbaum)

SPR: Das Haus, in dem Anne Appelbaum wohnt, liegt auf der Höhe der 90. Straße. Kurz hinter dem Eingang begrüßt mich der Portier und drückt mir eine Chipkarte in die Hand. Auf ihr ist festgelegt, in welchem Stockwerk der Besucher aussteigen darf. Nur mit dieser Karte kann man den Aufzug benutzen.

11. Stock. Anne Appelbaum öffnet die Tür zu ihrem Apartment. Wie schon am Telefon, sprechen wir Englisch. Sie könne mir, meint Appelbaum, mit Sicherheit nichts sagen, was für eine Veröffentlichung brauchbar sei. Aber was sie von einem Deutschland halte, das ihren Vater vertrieben habe, das könne sie mir gerne erzählen. Die Tochter von Ernst Cassirer wirkt kämpferisch, aber keineswegs verbittert. 87 Jahre ist sie jetzt alt und arbeitet noch immer als Psychologin. Erst nachdem wir uns ein stückweit angefreundet haben, wechselt sie von dem gebrochenen Englisch der Emigranten ins Deutsche. Eine Sprache, die sie schon lange nicht mehr gesprochen hat. Es ist Abend, und vor den Fenstern ihres Wohnzimmers liegt der Central Park in tiefes Dunkel gehüllt.

TAKE 2: Ich bin in Berlin aufgewachsen und zog mit 11 Jahren nach Hamburg. Wie ich 6 Jahre alt war, war der Weltkrieg. Und da war das Leben ungeheuer schwierig in Deutschland, durch den Krieg. Es war noch etwas schwieriger, daß alle Deutschen wie alle Menschen immer Flaggen rausgehängt haben für jeden deutschen Sieg. [Im Hintergrund hört man Polizeisirenen.] Mir ist das gar nicht aufgefallen, daß wir das einzige Haus waren, wo keine Flaggen waren. Und die Kinder meiner Schule sagten: "Wie kommt es, daß deine Eltern keine Flagge haben?" Das habe ich gar nicht gemerkt. Und da bin ich nach Hause gegangen und habe meine Mutter gefragt: "Wieso haben wir eigentlich keine Flagge?" Da sagt sie: "Nehm' ich Japaner und Engländer und alle haben auch Eltern. Ich flagge nicht, wenn irgendeiner stirbt. Ich bin nicht für Krieg, und dein Vater ist auch nicht für Krieg." Er war also kein deutscher Patriot. Im Gegensatz, was interessant war, daß Hermann Cohen, der ein jüdischer Mann war, plötzlich sehr patriotische Dinge von sich gab. Mein Vater nicht ein einziges Wort. (Appelbaum)

SPR: Mit dem Philosophen Hermann Cohen war die Familie Cassirer seit langem eng befreundet. Cohen unterrichtete an der Universität Marburg. Seine Schriften über Kant hatten einst den jungen Cassirer Marburg als Studienort wählen lassen. Die "Marburger Schule" vertrat eine an den Naturwissenschaften orientierte Erkenntnistheorie. Ihr Vorbild war Kant. Cassirer akzeptierte diese Position, baute sie aber in den folgenden Jahren systematisch aus. Im ersten Band seines Hauptwerkes Die Philosophie der symbolischen Formen schreibt Cassirer 1923, daß uns "das mathematisch-naturwissenschaftliche Sein" - gemeint sind die modernen Wissenschaften - "in seiner idealistischen Fassung und Deutung" nicht alle Wirklichkeit erschließt, "weil in ihm bei weitem nicht alle Wirksamkeit des Geistes und seiner Spontaneität" erfaßt ist. Statt sich auf die reine Vernunft und ihre Kritik zu beschränken, wie es der Marburger Neukantianismus getan hat, fordert Cassirer, die Kritik der Vernunft zu einer Kritik der Kultur zu erweitern. Neben naturwissenschaftlicher Erkenntnis beschäftigt sich Cassirer mit Literatur, Sprache und mythischem Denken. Noch im Exil setzt er seine fächerübergreifenden Studien fort.

ATMO 2: Straßenverkehr in New York [SFB-Band 519, Take 2]

(Eine Weile stehen lassen, dann darüber:)

SPR: Dem Central Park nach Norden in Richtung Harlem folgend, stößt man nach einem längerem Spaziergang auf die Gebäude der Columbia University, eine der traditionsreichsten und bedeutensten amerikanischen Hochschulen. In Columbia unterrichtete Cassirer als Gastprofessor in seinen beiden letzten Lebensjahren, 1944/45. Paul Oscar Kristeller war damals ein junger Kollege von ihm. Die beiden Wissenschaftler kannten sich noch von Deutschland her.

Noch heute wohnt Kristeller an der 120. Straße mit Blick auf die Gebäude der Universität. Seit vor drei Jahren seine Frau gestorben sei, klagt der 90jährige, könne er die Wohnung nicht mehr verlassen. Mühsam legt sich der greise Gelehrte Wort für Wort zurechtlegt. Obwohl er unter ständiger ärztlicher Betreuung steht, arbeitet Kristeller noch heute am Iter Italicum, ein mehrbändiges Verzeichnis von bislang noch nicht erfaßten Handschriften der Renaissance. Seit 1963 gibt er es in Zusammenarbeit mit dem Warburg Institute heraus. Bei der Arbeit hilft ihm sein junger amerikanischer Assistent. Der "Professor", wie Kristeller von den Leuten in seiner Umgebung verkürzt genannt wird, hat Geduld mit seinem Werk und sein Assistent mit ihm. Als er vor mehr als einem halben Jahrhundert Ernst Cassirer zum ersten Mal begegnete, so erzählt mir Kristeller, war er von dessen Gegenüberstellung der verschiedenen Grundformen des Verstehens stark beeindruckt.

TAKE 3: Nun, was die systematische Arbeit betrifft, so fand ich seine Unterscheidung zwischen Substanz- und Funktionsbegriff außerordentlich fruchtbar und originell. Was die symbolischen Formen betrifft, so war das auch eine originelle Wendung, die ich wegen ihres Scharfsinns bewunderte, aber nicht ohne weiteres hundert Prozent akzeptierte - damals. Sie war aber die Keimzelle einer weiteren Entwicklung in seiner späteren, auch amerikanischen Zeit, wonach er die Kantische Kategorienlehre in ihren Prinzipien akzeptierte, aber fand, daß es neben dem Kantischen Kategoriensystem, das wesentlich auf die Naturwissenschaften ausgerichtet war, es noch andere Kategoriensysteme gab. Vor allen Dingen Geschichte und Kunst. Und dies hat Cassirer weiterentwickelt, in dem in Amerika geschriebenen und publizierte Buch An Essay on Man. Der Einfluß des späten Cassirer beruht zum Teil auf Positionen, die er erst in seiner nachdeutschen Zeit entwickelt hat. (Kristeller)

SPR: Die große Zeit Cassirers lag aber vor seiner Emigration. 13 Jahre lang lehrte er als Privatdozent an der Berliner Universität. Erst 1919 erhält er einen Ruf an die neu gegründete Universität Hamburg. Mit seiner Frau Toni und den drei Kindern Heinrich, Georg und Anne zieht Ernst Cassirer in die Hansestadt. Anne Appelbaum war damals 11 Jahre alt:

TAKE 4: Mit den Kindern? Das will ich Ihnen erzählen, wie es mit den Kindern (war). Wie wir nach Hamburg zogen, war das nach dem Krieg und infolgedessen gab es keine Zentralheizung, sondern da war ein Raum mit einem Kachelofen. Und da saß die Frau, die manchmal (mit der) Nähmaschine (arbeitete), das Kind, wie ich, das sometimes Geige spielte, der andere, der was anderes tat, und das alles in dem Raum. Mein Vater ging um 9 Uhr zum Schreibtisch und wurde dann ... (Meine Mutter) sagte: "Ernstl, jetzt haben wir Mittagbrot". Er hat absolut nichts von irgendwas gehört. Er war völlig unstörbar. (Appelbaum)

SPR: Einer von Cassirers Studenten in Hamburg war Raymond Klibansky, der später durch seine zusammen mit Erwin Panofski und Fritz Saxl verfaßte Studie Saturn und Melancholie berühmt wurde. Klibansky, der heute in Montreal lebt, war mit Cassirers Sohn Heinrich befreundet. Er kannte Cassirer ebensogut privat wie als Lehrer:

TAKE 5: In seinem Seminar war es nicht etwa eine Massenveranstaltung, sondern es war eine auserlesene Schar. Er war nicht etwa ein populärer Lehrer. Er machte keine Konzessionen. Er war nicht ein Lehrer, der auf die Studenten einging. Er war ein Lehrer, der erwartete, daß die Studenten sich selbst entwickelten. (Klibansky)

SPR: Klibanskys Freund und ehemaliger Kommilitone Walter Solmnitz schildert in einem Brief vom August 1927 wie er die Besprechung eines Referates mit Cassirer empfunden hat. "Ernst Cassirer", schreibt Solmnitz, "hat liebenswürdig und wohlwollend zensiert - wofür ich natürlich dankbar bin - aber nicht Kritik am Einzelnen geübt. Das nicht ganz unberechtigte Gefühl der Sinnlosigkeit meines ganzen Unterfangens wird dadurch verstärkt." Acht Jahre später, 1935, erstellt Walter Solmnitz mit Klibansky zusammen die erste Bibliographie von Cassirers Schriften. Solmnitz lebt zu diesem Zeitpunkt noch in Hamburg, Klibansky ist bereits nach Oxford emigriert.

Wenn Klibansky über Cassirer spricht, klingt es, als wären sich beide erst gestern zum letzten Mal begegnet. Und obwohl er schon 1905, also im gleichen Jahr wie Kristeller, geboren ist, huscht der kleine Mann, mit einem Stock bewaffnet, flink die hügelige Straße, von der Wohnung zu seinem geräumigen Büro an der McGill University, entlang. Ich muß mich beeilen, um mit ihm Schritt zu halten. In Hamburg, erzählt Klibansky, gab es neben der Universität noch eine weitere Institution, die für Cassirers wissenschaftliche Arbeit von grundlegender Bedeutung war: Die Bibliothek des Kunstwissenschaftlers Aby Warburg.

TAKE 6: Der Leiter der Bibliothek war Fritz Saxl. Er lud Cassirer ein und zeigte ihm die Bibliothek. Und der Gedanke der Bibliothek war nun etwas völlig Neues. Nämlich die Erkenntnis der Symbole, die das menschlich Leben beherrschen, auf allen Gebieten. Die Ordnung der Bücher war ein ganz eigenartige. Dort sah man Philosophie in der Nähe von Astrologie. Man sah Philosophie und Gebiete, die an sich in der gewöhnlichen Zuordnung mit Philosophie nichts zu tun haben. Man sah, wie hier Philosophie und primitives Denken verbunden sind. Wie sich die Philosophie herauslöst. Und wie der Mythos in jeder Zivilisation eine besondere Bedeutung hat. Auch oft eine Bedeutung, die man völlig vergißt. Man sieht nicht die latenten Vorurteile. Und das war eine Aufgabe der Bibliothek, zu sehen, wie die verschiedenen Symbole zusammenhängen. Und das war gerade das, was Cassirer sich vorgenommen hatte. (Klibansky)

SPR: Cassirer bezeichnet das mythische Denken als symbolische Form. Die Welt des Mythos ist, so schreibt er, "kein bloßes Gebilde der Laune oder des Zufalls, sondern sie hat ihre eigenen Fundamentalgesetze des Bildens". Cassirers Philosophie geht eine faszinierende Symbiose mit Aby Warburgs Bücher- und Bildersammlung ein. Die Bibliothek des Kunstwissenschaftlers ist Sinnbild für die Gedankenwelt des Philosophen und umgekehrt.

Was bei der ersten Begegnung mit Cassirers Schriften vor allem beeindruckt, ist die klare wissenschaftliche Prosa, wie man sie sonst nur von der angelsächsischen Literatur her kennt. Auch das ein Stück verlorene Tradition. "Mir gefiel die Sprache. Aber manchmal waren mir Cassirers Texte etwas zu breit", so Raymond Klibansky über seine ersten Leseerfahrungen. "Ich war ungeduldig, aber jetzt weiß ich, was dahintersteckt. Wie in dieser Ausführlichkeit, sich das Denken hier in seiner Entwicklung darstellt." - In Heidelberg treffe ich Hans-Georg Gadamer. Auf Cassirers Schreibstil angesprochen, ist dem Nestor der deutschen Philosophie - unser Gespräch fand kurz vor seinem 94. Geburtstag statt - die Ungeduld des jungen Klibansky anzumerken:

TAKE 7: Da kann ich Ihnen nicht ganz zustimmen. Die Sprache Cassirers ist nicht seine große Stärke. Es ist ein glatter, klarer und guter Stil, aber an Suggestivität um unendliche Ränge geringer. ... Ich sage, es wird sehr schwer sein, eine echte Cassirerrenaissance herbeizuführen. Die Phänomenologie war im akademischen Leben, jetzt auch unabhängig von Heidegger, unendlich viel populärer als Cassirer. Scheler war unendlich viel populärer als Cassirer. Aber auch Husserl war unendlich viel präsenter. Und dann kam schließlich der Heidegger mit Sein und Zeit. (Gadamer)

SPR: 1929 sind sich Cassirer und Heidegger anläßlich der 2. Davoser Hochschulkurse begegnet. Weder Gadamer noch Klibansky hatten als junge Leute das Geld, um nach Davos zu reisen, aber natürlich wurde damals über dieses Treffen gesprochen.

TAKE 8a: Diese Konfrontation war natürlich vom äußeren Spektakel her gesehen grotesk. Dieser Weltmann und dieser Bauernbub. Heidegger linkisch, schüchtern und dann, wie alle schüchternen Menschen, ein bißchen massiv. Wenn sie sich dann durchsetzen müssen, dann übertreiben sie es gleich. Cassirer hat sicherlich sehr leise Kritik geübt. Und ich kann mir denken, daß Heidegger wie Jupiter selber gedonnert hat. (Gadamer)

TAKE 8b: Die Studenten jener Zeit verstanden Heidegger gut. Diese Unsicherheit und der Zweifel an der Vernunft. Für Heidegger war es immer das Untergründige, der Mensch in seiner Angst. Cassirer leugnete nicht, daß es das alles gab. Aber das Ziel der Philosophie war die Erkenntnis und die Harmonie. ... Und dann kommt der Kampf um Kant. Lange war man in Deutschland und auch in Frankreich, so sehr von Heidegger beherrscht, daß man sich jeder Kritik enthielt. Diese Kantinterpretation von Heidegger ist etwas ... wenn man Kant kennt, unbegreiflich. Für ihn ist Kant die Tragödie des Menschen, der die Begrenztheit der Erkenntnis sieht. Tief tragisch. Ich selbst habe Heidegger gehört, 1929, seine Vorlesung: Was ist Metaphysik? Es war ein starker Eindruck. Diese Mischung von originellen Gedanken und einer völligen Gewaltsamkeit. Am Ende spricht er von Platon und zitiert den Phaidros. Und wenn man auch nur etwas Griechisch kann, sieht man, wie dieses Zitat völlig aus dem Ganzen herausgelöst und vollkommen verfälscht wird. (Klibansky)

SPR: Zur Zeit der Davoser Debatte - Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre - befindet sich Cassirer auf dem Höhepunkt seiner akademischen Karriere. Bereits 1928 hatte er auf Betreiben von Hans Cornelius einen Ruf an die Universität Frankfurt erhalten, den er wegen seiner engen Beziehung zur Bibliothek Warburg ablehnt. Für das akademische Jahr 1929/30 bietet ihm die Hamburger Universität die Stelle des Rektors an. Aby Warburg vermerkt im Tagebuch der Bibliothek: "Vom 'Rektor' will Cassirer nicht viel wissen wegen der intriganten Spiele, die bei seiner Wahl zum Dekan eingesetzt hatten. Weiß nicht, ob er das richtig sieht. Er sollte im Lessingjahr Rektor sein! Seine Frau rät ihm ab, als Jude solle er das nicht. Bin ganz anderer Meinung." Cassirer nimmt das Amt an. Als Rektor, erinnert sich Raymond Klibansky, sprach Cassirer ebenso eloquent über Rennpferde und Stromverbrauch, wie er es bisher als Professor für Philosophie über Kant und Hegel getan hatte.

Politisch bekennt sich Cassirer zur Weimarer Republik. Zwar interessiert er sich nicht für Parteipolitik, aber in seiner Funktion als Rektor setzt er im Juli 1930 die erste und einzige universitäre Feier zum Tag der republikanischen Verfassung durch. Entscheidend für Cassirer ist die Trennung zwischen Politik und Lehre. "Universitäten", betont er in seiner Festrede, "sind keine politischen Organisationen und Institutionen - und sie dürfen es niemals werden". An diese Trennung hält sich Cassirer als Hochschullehrer so strickt, daß ihm sein Schüler Edgar Wind eine befremdliche Form des Mandarinentums vorwirft.

Antisemitische Propaganda, so Klibansky, habe Ernst Cassirer in Hamburg kaum zu spüren bekommen. Cassirers Tochter hat als Schülerin andere Erfahrungen gemacht:

TAKE 9: Gemerkt am eigenen Leibe habe ich es am ersten Tag in der Schule in Berlin, daß ein Kind sagte: "Ich mag die Lehrerin nicht, die sieht mir zu jüdisch aus". Wie hat man's gemerkt? Wir sind in Hamburg gelebt, und eines der ersten Sachen, die wir hatten, war ein Hakenkreuz am Haus. Wie ich's gemerkt hab'? Daß ich in eine Schule ging und andere Kinder in eine andere Schule und wir tägliche fistfights auf der Schule hatten. Jeden Tag fistfights of a physical nature. (Appelbaum)

SPR: Die Prügeleien auf Pausenhöfen und dem Heimweg von der Schule waren die ersten Anzeichen für die sich anbahnende Katastrophe. Als Hitler im Januar 1933 an die Macht kommt, zieht Cassirer trotz seines fortgeschrittenen Alters die einzig sinnvolle, wenn auch schmerzhafte Konsequenz: Er verläßt Deutschland und geht mit seiner Familie ins Exil. Er trifft diese Entscheidung, noch bevor er persönlich bedroht ist. Freunde und Schüler in Hamburg fühlen sich im ersten Augenblick von Cassirer im Stich gelassen.

TAKE 10: Mein Vater war in dem Sinne nicht politisch, but wie ich ihn mal gefragt habe: "War es dir nicht erstaunlich, daß in einem Land wie Deutschland das hat passieren können?" Da sagt er: "Nein, die Zivilisation ist eine ganz dünne Kruste über einem Vulkan". Ich denk' daran sehr oft ... Er war irgendwie weniger überrascht wie ich. (Appelbaum)

SPR: Was folgt, ist eine Odyssee durch halb Europa. Die sogenannte "Reichsfluchtsteuer" verhindert, daß größere Vermögenswerte ins Ausland mitgenommen werden können. Über Nacht ist die Familie mittellos. Seine erste Arbeitsmöglichkeit findet Ernst Cassirer in Oxford. Neben der neuen Sprache, erzählt Klibansky, stieß der 59jährige dort auch mit seinen Lehrinhalten auf Vorbehalte:

TAKE 11: Es war eine Zeit, in der in England die jungen Türken, wie ich sie nannte, nämlich die analytischen Philosophen (vorherrschten). Die waren sehr begab und die interessierte das Historische gar nicht. Wenn er über Leibniz sprach - und er kannte Leibniz gut und konnte das Leibnizsche Denken mit Leibniz' Person und den Umständen, in denen Leibniz lebte, mit der Entwicklung der Wissenschaft in jener Zeit, der Literatur jener Zeit (in Verbindung bringen), daraus entstand das Leibnizbild -, das interessierte diese jungen Philosophen gar nicht. Sie wollten wissen: "Is it true?". (Klibansky)

SPR: Nach England, gewährt Schweden Cassirer nicht nur politisches Asyl, sondern auch eine Stelle als Gastdozent. In Göteborg fühlt sich Cassirer heimisch. Er lernt Schwedisch und verwirklicht trotz der widrigen Umstände innerhalb weniger Jahre mehrere Buchprojekte. Als Cassirer mit 65 Jahren das Pensionsalter erreicht hat, muß er nach schwedischem Recht die Stelle als Gastdozent aufgeben. Dankbar nimmt er das Angebot an, an die Yale University zu wechseln. Im Juni '41 treffen Ernst und seine Frau Toni Cassirer in den USA ein.

TAKE 12: In Yale hatte man Verständnis für die historische Betrachtung und man bewunderte die außerordentliche Wissensfülle und die anschauliche Art, in der dieses Wissen dargeboten wurde. Wie man sah, wie das Problem sich entwickelt hatte und welches die verschiedenen Antworten auf das Problem waren und wie sich das Problem in der heutigen Zeit, in der heutigen Lage der Philosophie darstellte und wie es zu lösen war. Das war Cassirers große Stärke. (Klibansky)

SPR: Die Atmosphäre an den amerikanischen Universitäten Yale und Columbia, wo er ab 1944 unterrichtet, hat Cassirer sehr gefallen. Vor allem habe ihm die Diskussionsbereitschaft der jungen Amerikaner imponiert. "Engländer", fügt Klibansky hinzu, "sind nicht eigentlich gehemmt, aber es gilt als unfein, direkte Fragen zu stellen". Seine beiden letzten Bücher, An Essay on Man und The Myth of the State, verfaßte Cassirer in englischer Sprache. Heute ist seine Philosophie in den USA bekannter als in Deutschland. Wäre Cassirer nach Ende des Krieges wieder nach Hamburg oder Berlin zurückgegangen?

TAKE 13: Mein Vater wäre bestimmt nie zurückgegangen, da bin ich ziemlich sicher. Er hätte darüber auch gar nichts gesagt, aber er wäre einfach nicht gekommen. Er hat gesagt: "Well, ich finde es falsch, aber ..." Er hat nicht Leute voll Wut ... Es hat ihn nicht so geärgert wie mich. Ich hab' Adorno gesagt: "Wie können Sie da zurückgehen!" Die haben ja geglaubt, daß man zurückgehen sollte, um den Leuten das klarzumachen. Im Grunde waren die größere Optimisten. (Appelbaum)
 
 

GESPRÄCHSPARTNER:

Anne Appelbaum (1908-1998), Interview am 14.10.1994 in New York

Hans-Georg Gadamer (1900-2002), Interview am 26.1.1994 in Heidelberg

Raymond Klibansky (1905-2005), Interview am 18.10.1994 in Montreal

Paul Oskar Kristeller (1905-1999), Interview am 15.10.1994 in New York

(c) Sender Freies Berlin 1996


Der Text ist abgedruckt in: "Die Gegensätze schließen einander nicht aus, sondern verweisen aufeinander." Ernst Cassirers Symboltheorie und die Frage nach Pluralismus und Differenz. Hrsg. v. Wolfgang Vögele. Loccum: Evangelische Akademie, 1999. S. 184-192.


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